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Inga Schneider, frame #4, 2012

Fastnacht und Fashion. Zur prämierten Werkserie von Axel Hoedt

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Ein Tannenbaum an der Leine, ein Augenpaar lugt aus den Zweigen. Wo der Stamm wäre, sind Füße, die über den Kieselweg laufen. Die Zweige hängen herunter. Wo der Baum stehen bleibt, verliert er Nadeln. Ein Gockel, zwei Meter groß. Er wird mit Geschirr im Maul von einem Narren mit Mühlsteinkragen und Holzmaske geritten. Von der Mütze bis zu den Krallen bilden beide eine Einheit.
Die Masken und Kostüme der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, die uns auf den Bildern von Axel Hoedt anblicken, rufen Befremden bei uns hervor. Die Fastnachtstradition folgt eigenen Gesetzen, die nur den Gralshütern selbst bekannt und für diese nachvollziehbar ist. Nur an wenigen Tagen im Jahr darf das „Häs“, so heißt die Verkleidung der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, aus dem Schrank geholt werden. Dann werden die jahrhundertealten Figuren zum Leben erweckt, um das Regiment im dörflichen Leben zu übernehmen und nach heidnischer Tradition die bösen Geister zu vertreiben. Das Häs wird in der Familie meist von Generation zu Generation weitergegeben. Es geht zurück auf brauchtümliche Gestalten und regionale Rohstoffe. Egal, ob aufwendige Tier- oder Narrenklüfte oder einfache, rustikale Kostüme aus Stroh oder Tannenzweigen; immer sind sie handgenäht.
Der Photograph Axel Hoedt stammt selbst aus Staufen im Breisgau. Seit über zehn Jahren lebt er als Modephotograph in London. 2008 kehrte er in die Hochburgen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht zurück. Mit einem reisenden Photostudio zog er durch die Orte seiner früheren Heimatregion Endingen und Villingen bis zum Bodensee, um die Gestalten der schwäbisch-alemannischen Fastnacht während der närrischen Tage zu portraitieren. Dabei verwendete Hoedt die klassische Großbildkameratechnik – wohl geschult an Irving Penn, der so in den 1940er Jahren amerikanische, später auch europäische, lateinamerikanische und afrikanische Volksstämme in ihren traditionellen Trachten aufnahm. Doch nicht nur das verbindet Penn und Hoedt: Das global angelegte und in den 1970ern veröffentlichte Projekt Penns Worlds in a small room zeigte den westlichen Betrachtern fremde und exotische Gestalten. Das Häs ließe sich in diese Reihe des Befremdens reibungslos einreihen. Reiste Penn noch um die halbe Welt, um das Fremde einzufangen, reichte Hoedt dazu eine Rückkehr in seine Heimat.
Hoedt generiert seine Ästhetik und Herangehensweise an die Masken und Kostüme aus der Fashion-Photographie: Indem er die Fastnachtsfiguren in technischer und ästhetischer Perfektion vor weißem Studiohintergrund aufnahm – außerhalb des närrischen Treibens und losgelöst von ihrem jeweiligen dörfischen Kontext –, werden sie zu eigenständigen Charakteren. Erst durch die zeitgemäße Bildsprache kommt es zu einer Revision der alten Bilder und Vorstellungen. Sie erinnert an die Plakate der Textilmultis, die die weltweiten Lifestyle- und Modetrends diktieren. Ihnen geht es um die Farbe der Saison; Hoedts Fastnacht-Bilder hingegen belichten eine jahrhundertealte Tradition neu.

Die Arbeit Fastnacht umfasst neben den Porträtaufnahmen auch klassische Landschaftsaufnahmen sowie Polaroid-Schnappschüsse der dörfischen Umgebung. Damit rückt Hoedt das Umfeld der Kostümierten noch einmal explizit in den Fokus. Sind es nicht gerade die dichten Wälder, beschneiten Wiesen und leere Hofeinfahrten, die diese Figuren hervorgebracht haben? Aber mehr noch: Dieser Hintergrund, das ist eben auch sein eigener, auch er selber stammt aus dieser Gegend. Erst die räumliche Distanz hat in Hoedt das Interesse nach einer späten Annäherung geweckt. Er kehrt als Fremder in seine Heimat zurück.
Hoedt gelingt es in diese hermetisch geschlossene Welt einzudringen und sie in Bilder zu übersetzen. Dank der zeitgenössischen Bildästhetik, dem spürbaren Respekt vor den Traditionen und der zaghaften Annäherung eines Heimkehrenden schafft er in seiner Arbeit Fastnacht ein persönliches Stimmungsbild.